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Vom Chaos zum Frühwarnsystem


Mit einem brillanten Vortrag eröffnete Prof. Klaus Mainzer von der TU München am 27. April die neue „Amphi ouvert“-Vorlesungsreihe über komplexe Systeme in Natur, Technik, Wirtschaft und Gesellschaft. Ein Resümee.

Ein Pendel in Ruhe ist im Gleichgewicht. Ein von A nach B schwingendes Pendel ist ein periodischer Vorgang; man könnte ihn als Gerade darstellen. Die Bewegungen eines kreuz und quer herumschwingenden Pendels dagegen ergäben gezeichnet ein Wollknäuel: das Chaos.

Wenn viel mehr als zwei Faktoren miteinander wechselwirken, entstehen hochkomplexe, instabile Systeme, deren Verhalten wir kaum noch erklären oder gar voraussehen können. Man braucht nur die Wettervorhersage zu schauen, um zu ahnen, was der Experte meint. Doch Klaus Mainzer, Direktor der Carl von Linde-Akademie an der TU München, hat noch andere Beispiele auf Lager. In seinem Vortrag vor rund 40 Zuhörern auf Campus Limpertsberg führt der Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie die ganze Bandbreite der Komplexitätsforschung vor.

Chaos, so lernen wir, herrscht nicht nur auf der Straße oder in unserem Kleiderschrank, sondern ist so, wie es die Wissenschaft definiert, in Natur und Technik, Wirtschaft und Gesellschaft nachweisbar. Physiker kennen die Flüssigkeitsdynamik in Form chaotischer Strudel, Chemiker die Selbstorganisation von Atomen zu Makromolekülen, die die Nanotechnologie zur Herstellung künstlicher Gewebe nutzt. Die Systembiologie hat komplexe Systeme zu ihrem Leitthema gemacht und versucht, die Wechselwirkungen ganzer Zellsysteme, Organe, ja des kompletten menschlichen Organismus zu verstehen. Möglich machen es Computersimulationen und –berechnungen. Prof. Mainzer: „Der Computer wird zum Treiber der Forschung.“

Auch unser Gehirn, das Internet, das ökologische Gleichgewicht oder der internationale Finanzmarkt sind nichts anderes als hochkomplexe Systeme. Spannend und zukunftsweisend ist die Komplexitätsforschung laut Prof. Mainzer deshalb, weil sie helfen könnte, Ursachen und Wirkungen zu verstehen, Vorhersagen zu treffen und Frühwarnsysteme zu entwickeln - ob gegen Krankheiten, Klimaveränderungen, Katastrophen oder, wie jetzt aktuell, gegen weltweite Finanzkrisen.

„In der Globalisierung sind Märkte offene komplexe Systeme am Rande des Chaos“ , erläutert Mainzer und prophezeit häufigere Turbulenzen an den Börsen. Neben Frühwarnsystemen bräuchten wir auch mehr interdisziplinäre und interkulturelle Kooperation, um andere gefährliche Nebeneffekte der Globalisierung wie religiöse oder kulturelle Konflikte im Griff zu behalten. Bis dahin bleibt unsere komplexe Welt – im Guten wie im Schlimmen – wohl eine Welt voller Überraschungen.

bs

>> Nächste „Amphi ouvert“- Vorlesung: Thomas Lux, Universität Kiel: „Finanzmärkte als komplexe Systeme“, 18. Mai, 17.30 Uhr, Campus Limpertsberg, BS 1.03

Foto: Rolf Tarrach und Klaus Mainzer

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