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Abgeschlossene Projekte

Regionalität und Globalität

Das Forschungsprojekt hat zwei Untersuchungsebenen:

Auf der Makroebene geht es um eine Analyse der diskursiven Einheit von ‚Regionalität und Globalität’. Das komplementäre Begriffspaar steckt den Rahmen der Untersuchung ab, intendiert ist vor allem die Verlagerung einer bislang vor allem von den social sciences dominierten Diskussion um die Kategorie ‚Globalisierung’ in den Bereich der Kulturwissenschaften, hier ist diese Debatte aus verschiedenen Gründen vernachlässigt bzw. sehr einseitig geführt worden.

Die Ausgangsthese ist die, dass unter den Bedingungen zunehmender Globalisierungsprozesse in nahezu allen Teilbereichen der europäischen Gesellschaften eine Dialektik zu beobachten ist, die insbesondere für die kulturellen Entwicklungen in Europa Folgen hat und in Zukunft sich noch deutlicher auswirken wird. Zum einen verdichten sich Globalisierungsphänomene zunächst in den Metropolen und scheinen dabei deren Machtansprüche zu unterstützen, zum anderen erstarken auf ihrer Rückseite durch die informationstechnischen und medienkulturellen Entwicklungen die Peripherien und kleineren Sozialräume wieder neu. In den social sciences wird dieser gegenläufige Prozess durch das Oppositionspaar ‚global vs. local’ bezeichnet. Die im Projekt demgegenüber vorgeschlagene Modifikationen sollen den vielen Definitionsversuchen des Globalen keine weitere hinzufügen, sondern das Konzept des ‚Globalen’ mit dem Konzept des ‚Regionalen’ konfrontieren, worunter eine von der Kategorie ‚Nation’ zunehmend abgekoppelte, flexible sozialräumliche Größeneinheit zu verstehen ist. ‚Regionality’ ist raumtheoretisch, gesellschaftstheoretisch und kulturtheoretisch ein operationabler und anschlussfähiger Begriff. Mit ihm lassen sich Transformationen abstrakter globaler Prozesse auf verschiedenen Ebenen beschreiben.

Der theoretische background für den Zugriff auf das Thema stellt die Diskurstheorie dar, wichtig ist hier die sogenannte ‚Interdiskursanalyse’. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass in einer Reihe spezieller Diskurse, wie z. B. Ökonomie, Recht, Politik oder auch Geographie auf unterschiedliche Weise Regionalitätsvorstellungen an Globalisierungsprozesse angepasst werden. Das Problem besteht darin, wie diese besonderen Diskurse mit ihrem je eigenen Spezialwissen und ihrer spezieller Sprache sich noch verständigen bzw. ihr Wissen vermittelt können. Hierzu dienen die Interdiskurse einer Kultur, die über die Medien und die Literatur sowie das daran anschließende Alltagswissen entscheidend zur gesellschaftlichen Reintegration des in den Spezialdiskursen organisierten Wissens beitragen. Die Gesamtheit der Interdiskurse formiert dabei die integrierende Kultur moderner Gesellschaften. Dazu gehören also auch die Vorstellungen von Regionalität bzw. die Vorstellungen von regionalen Identitäten, die auf der Ebene solcher Interdiskurse zu analysieren sind.

Die Rahmenanalysen werden in einem zweiten Arbeitsschritt dann auf der Mikroebene umgesetzt. Hier werden zentrale kollektiven Symbole, Metaphern, Bilder, Stereotypen u. ä. im Kontext von ‚Regionalität und Globalität’ empirisch ermittelt und systematisiert. Zentraler Raum-Gegenstand dieser Untersuchung ist Luxemburg, sowie kontextualisiert weitere europäische Regionen und regionale Metropolen. Luxemburg steht im Mittelpunkt, weil hier das Spannungsgefüge der beiden Kategorien von ‚Regionalität und Globalität’ am schärfsten herausgebildet ist. ‚Luxemburg’ wird immer weniger über nationale Codes definiert, sondern durch eine besondere Kombinatorik sozialer, politischer, ökonomischer und kultureller Interdiskurse. Die Analyse dieser Interdiskurse beschränkt sich natürlich nicht auf hochliterarische Texte, hinzugezogen werden auch Printmedien und visuelle Medien. Ziel ist es, das hier verwendete System von Kollektivsymbolen für ‚Luxemburg’ über einen längeren Zeitraum hinweg zu rekonstruieren. Welche Symboliken werden für welche Themen und Ereignisse verwendet? Welche sind dominant? Welche findet man auch im deutschen, und dann auch im französischen Raum. Diese und ähnliche Fragen dienen also der Beschreibung des Wandels der medialen und literarischen Selbstwahrnehmungen und auch Fremdwahrnehmungen Luxemburgs von der nationalen zur regional/globalen Perspektive.

Körper als Sinnschwelle

Über die Sinnschwelle des Körpers. Entwurf einer historischen Topologie von sôma und sêma

  •   Projektbearbeiter: Dr. Stefan Börnchen  

Das Projekt entwirft eine historische Topologie des Verhältnisses zwischen dem Körper (sôma)  und seiner sinnhaften Repräsentation (sêma).  Gegenstand der Untersuchung sind die Wechselwirkungen zwischen anthropologischen, literarischen, philosophischen und poetologischen Texten des Zeitraums, in dem sich die wissenschaftliche Anthropologie formiert, also etwa von 1770 bis 1830. Der disziplinäre Schwerpunkt der Analyse liegt in der germanistischen Literaturwissenschaft. Gleichzeitig umfasst sie Aspekte der Komparatistik, Medientheorie, Wissenschaftsgeschichte und Philosophiegeschichte.
 
Zum anthropologischen Textkorpus der Untersuchung zählen unter anderem Ernst Platners Anthropologie für Aerzte und Weltweise, Johann Georg Sulzers Philosophische Schriften  und Karl Philipp Moritz’ Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.  Eine Mittelstellung zum literarischen Textkorpus nehmen Schillers medizinische Dissertationen Philosophie der Physiologie  von 1779 und Über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen  von 1780 ein. Der literarische und poetologische Textkorpus umfasst unter anderem Texte E.T.A. Hoffmanns, darunter Der Magnetiseur  aus den Fantasiestücken in Callot’s Manier  von 1814, und Goethes 1832 abgeschlossener Faust .
 
Das Forschungsvorhaben zielt auf die historische Analyse derjenigen Topologie, die in der Aufklärung mit der wissenschaftlichen Anthropologie aufkommt und bis heute die Kulturtheorie prägt. Dabei ist das Erkenntnisinteresse selbst anthropologisch, insofern es sich auf eine der fundamentalsten Differenzen überhaupt richtet, die in ihrer Bedeutung wohl nur mit der Geschlechterdifferenz zu vergleichen ist. Wie diese lässt sich die Sôma-Sêma  -Differenz als kulturelle Projektionsfläche betrachten, auf der epochenspezifische Ansichten und Phantasmen sowie ihr historischer Wandel sichtbar werden.
 
 Epistemologisch schließt das Projekt an die jüngere Kultur-, Medien- und Literaturtheorie an, die sich um die so genannte „Wiederkehr des Körpers” dreht. Im Zentrum der Analyse steht die bisher kaum beachtete und nicht analysierte Vorstellung einer Schwelle zwischen sôma  und sêma  . Damit knüpft das Forschungsprojekt zum einen an den Begriff der „Liminalität” an, wie ihn das Luxemburger Forschungsprojekt zu „Literalität und Liminalität” versteht, zum anderen auch an den Begriff der „Literalität”: Denn die zu untersuchende Topologie von sôma  und sêma  kreist immer wieder um den Schrift-Diskurs.